Zur Geschichte von St. Sebastian Stierstadt

 

Im alten Ortskern von Stierstadt steht das Wahrzeichen des Stadtteils: Der Kirchturm von St. Sebastian aus dem Jahre 1348. Zusammen mit der Kirche und der uralten Linde auf dem Platz davor ein gewiss malerischer Ort, aber auch ein Ort voller Historie. Stierstadt hat eine lange, wechselhafte, und nicht immer beschauliche Geschichte hinter sich. Doch nicht nur die Zeitgeschichte, sondern auch und vor allem die persönliche Lebensgeschichte(n) der Menschen hatte und hat gerade hier ihren Ort. Alle Freude und Hoffnung, alle Verzweiflung und Trauer haben die Menschen gerade hier vor Gott gebracht.

Stierstadt wird erstmals urkundlich im Jahre 791 erwähnt. In einer Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch vom 26. April dieses Jahres findet sich der Eintrag, dass ein gewisser Suicger dem Kloster Güter in Stierstadt und Ursel vermachte, insgesamt 60 Morgen Land, 2 Hofstätten und 1 Knecht. Ein Urnenfund (1956 beim Pflügen entdeckt) mit Knochenasche aus der Hallstadtzeit (um 800 v. Chr.), Reste einer Römerstraße eines Grenzkastells auf dem Kleinen Feldberg zum Versorgungsstützpunkt bei Heddernheim sowie Fundamente eines steinernen Hauses römischen Ursprungs (entdeckt bei Arbeiten an der Homburg-Frankfurter Eisenbahn 1860 in der Nähe des heutigen Bahnhofs) belegen, dass Stierstadt eine weit ältere Geschichte aufzuweisen hat und zu den ältesten Ansiedlungen im Taunus zählt.


Die Christianisierung der Mainebene hat wohl sehr bald auch Stierstadt erreicht. Stierstadt wird an die Oberurseler Mönchskongregation angeschlossen. 876 wird die Pfarrkirche Oberursel auf Weisung König Ludwigs dem Bartholomäusstift Frankfurt inkorporiert und damit auch Stierstadt abgabepflichtig gemacht. 1348 wird wird eine Kapelle errichtet und dem hl. Sebastian geweiht; alle 14 Tage feiert ein Geistlicher aus Oberursel hier die hl. Messe, da Stierstadt aber aus Geldmangel keinen eigenen Pfarrer erhält (noch heute heißt der Weg zwischen Stierstadt und Oberursel “Pfaffenweg”).


1524 wechselt die Oberurseler und kurz darauf auch die Stierstädter Bevölkerung zum lutherischen Bekenntnis, bevor 1604 die katholische Lehre auf Kurmainzer Betreiben wieder eingeführt wird. Wer dem nicht entsprechen wollte, hatte umgehend die Gemeinde zu verlassen und seinen Besitz zu verkaufen. In den Wirren der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen des 17. und 18. Jahrhunderts, die die Stierstädter Bevölkerung ein ums andere Mal hart trifft, kann von einem geordneten Gemeindeleben wohl nicht gesprochen werden. 1670 wird die Kapelle durch eine kleine Kirche ersetzt. Jahrelangen Streit gibt es zwischen den Stierstädtern und der Oberurseler Geistlichkeit. Vom Mainzer Generalvikariat angeordnet, versehen Kapuziner aus Königstein den Sonntagsgottesdienst. 1714 - die Stierstädter Gemeinde zählt etwa 250 Seelen - sieht sich zu einer Klage gegen den Oberurseler Pfarrer Lingmann veranlasst. Lingmann hat sich über den Schullehrer Jodocus Wigand des Kirchen- und Tabernakelschlüssels bemächtigt und ist nicht mehr bereit, den Schlüssel herauszugeben. Messen können nicht mehr gefeiert werden, auch nicht das Patronatsfest. Weit höhere Gebühren für Taufen, Trauungen und Beerdigungen als das gleichgestellte Bommersheim sind zu zahlen. Als sich Lingmann auch nicht an die kürfürstliche Anordnung, gemäß der Kirchenordnung von 1687 zu verfahren, hält, wird er infolge einer erneuten Beschwerde Stierstadts 1715 vor ein Mainzer geistliches Gericht geladen, erscheint aber dort nicht und sieht sich auch in der Folgezeit nicht an dort formulierte Rügen und Anordnungen gebunden. Eine weitere Beschwerde der Stierstädter bringt dann Klärung: Pfarrer Lingmann wird bei Strafe von 20 Goldgulden angwiesen, der kurfürstlichen Anordnung Folge zu leisten, und die Stierstädter Gemeinde hat nun die Ausgaben für die Geistlichkeit zu bestreiten, etwa den Wein für den Johannissegen zu zahlen, den Wein für des Pfarrers jährliche Weinfahrt aus einer Hofheimer Kellerei zu holen, des Pfarrers Trunk und Predigt an Kirchweih zu zahlen und sämtliche Kosten zu tragen, die den Kirchbau und die gottesdienstliche Ausstattung betreffen.


Erst Ende 1718 wird wieder ein geregelter Gottesdienst in Stierstadt gefeiert. Zwei Glocken, bei einer Frankfurter Glockengießerei in Auftrag gegeben, werden ein Jahr später angeschafft (1734 zerspringt die größere und wird 1735 ersetzt) und umfangreiche Bau- und Ausbesserungsarbeiten an und in der Kirche begonnen. Altartritt und Kanzelgewölbe werden neu gemauert, Weißbinderarbeiten gestartet, neue Fenster und eine neue Turmuhr angeschafft, Dach und Turm repariert ein neuer Traghimmel besorgt. 1764 wird die Orgel repariert.


Die inzwischen baufällig gewordene Kirche wird 1826 fast ganz abgerissen und unter dem Schultheiß Johann Georg Geibel sowie den Kirchenvorstehern Adam Schreiber und Kaspar Nicolai im selben Jahr neu erbaut; bereits am 1. Oktober kann die erste Messe gefeiert werden, im Auftrag des Vikariats zu Limburg weiht der Oberurseler Pfarrer Roth die neue Kirche ein. Während der Bauzeit findet der Gottesdienst in und vor dem Kapellchen in der Obergasse statt. Durch eine jährliche Pachteinnahme, die vom Gemeinderat zur Verfügung gestellt wird, und durch Spenden der Stierstädter Bevölkerung kann 1852 eine neue Orgel beschafft werden.


Am 1. Juli 1898 wird in Stierstadt eine Pfarrvikarie mit einem ständig hier wohnenden Pfarrvikar eingerichtet, ein eigenes Pfarrhaus 1907 erstellt (Stierstadt wird 1918 zur selbständigen Pfarrei erhoben). 1909 wird mit dem Bau des Schwesternhauses begonnen, und am 31. Oktober dieses Jahres eröffnen die Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu aus Wien das “St. Annahaus”, eine Stätte der Krankenpflege und der Kinderbewahrung für katholische Mädchen. Im selben Jahr noch wird die Orgelempore erweitert, 1916 bekommt die Kirche elektrisches Licht, 1921 eine neue Glocke, und seit 1927 wird auch die Orgel elektrisch betrieben. Große Anstrengungen der Gemeinde ermöglichen 1933 die Erweiterung der Kirche um 2 Seitenschiffe, eine Heizung gibt es 1936. Der II. Weltkrieg hat an der Kirche kaum Schäden hinterlassen. Die 1942 konfiszierten Glocken (von 1735 und 1921) können 1953 wieder durch neue ersetzt werden und das Geläut ergänzen. Der Kirchenchor St. Sebastian wird in diesem Jahr gegründet.
Nach fast 30 Jahren priesterlichen Wirkens des Geistlichen Rates und Dekans Albert Marx übernimmt 1952 Pfarrer Dr. Erwin Börner die Gemeindeleitung. 1954 organisiert sich die Pfarrjugend im Bund der Katholischen Jugend (BDKJ), trifft sich zu Versammlungen und Vorträgen, organisiert Fahrten sowie Treffen mit Jugendlichen aus den Nachbargemeinden. Pfarrer Karl Laux folgt Pfarrer Börner im Jahre 1957 und verunglückt nach nur dreijähriger Amtszeit tödlich. Neuer Seelsorger wird 1960 Pfarrer Arthur Thorisch, in diesem Jahr feiert die Gemeinde die Einweihung des neuen katholischen Kindergartens, zusammen mit der Errichtung des neuen Jugendheims.

 

 

In die Zeit des neuen Pfarrers Alfred Bienek ab 1967 fallen große Umgestaltungen: 1968 wird entsprechend der Synodalordnung des Bistums Limburg dem Pfarrer ein neues Gremium, der Pfarrgemeinderat, zur Seite gestellt (zunächst probeweise, ab 1977 dann endgültig in Kraft gesetzt). 1969 wird die Pfarrkirche abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der denkmalgeschützte Turm bleibt erhalten. Die Grundsteinlegung erfolgt am 13. Juli des Jahres, die Einweihung findet statt am 04. Juli 1971. Sowohl der stete Einwohnerzuwachs, dem man durch neue Bebauungen an den Ortsrändern, durch eine neue Grund- und eine neue Gesamtschule, groß angelegte Sportflächen und weitere infrastrukturelle Maßnahmen Rechnung tragen will, als auch ein neues Selbstverständnis von Kirche im Anschluss an das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) machen dies erforderlich. Der Friedhof erhält 1969 eine neue Trauerhalle. Pfarrer Bienek gibt sein Amt 1972 aus persönlichen Gründen auf, es folgt Pater Thomas Kostka, der bis zu seiner Pensionierung in Stierstadt bleibt. Familienkreise und ein Jugendmusizierkreis entstehen, ein neues Pfarrheim wird gebaut und 1987 eingeweiht. Es werden Jugendclubs gegründet, 1975 schließt sich die Pfarrjugend der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) an, viele Jugendliche engagieren sich als Gruppenleiter, gestalten Jugendgottesdienste. 1982 wird eine „Siedlung“ der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) gegründet. 1988 kommt Pfarrer Franz Josef Hofmann, der bis 1995 sein Amt ausübt. Ab 1996 ist Stierstadt keine selbständige Pfarrstelle mehr. Durch den Priestermangel wird es notwendig, die drei Gemeinden St. Sebastian Stierstadt, St. Crutzen Weißkirchen und St. Bonifatius Steinbach zum Pastoralen Raum Oberursel-Süd / Steinbach zusammenzufassen, der durch einen Priesterlichen Leiter, hauptamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden und einem gemeinsamen Pastoralausschuss geführt wird. Betreut wird Stierstadt nun durch Pfarrer Norbert Stähler als Priesterlicher Leiter, ins Pfarrhaus zieht Pastoralreferent Rainer Beckert ein. Ein begehbares Labyrinth wird zum Weltjugendtag 2005 vor der Kirche angelegt. 2007 übernimmt bis 2010 Pfarrer Christian Enke die Leitung des Pastoralen Raums, zusammen mit den pastoralen Mitarbeitern Daniel Dere und Susanne Degen. Seit 1. Januar 2010 bilden die 8 katholischen Pfarrgemeinden von Oberursel und Steinbach zusammen mit der italienischen Gemeinde den gemeinsamen Pastoralen Raum Oberursel / Steinbach unter der Leitung von Pfarrer Andreas Unfried und Pfarrer Reinhold Kalteier als Priesterlichem Mitarbeiter. Stierstadt wird zum Kirchort. Gemeinsam arbeiten die Gemeinden am zukünftigen Konzept einer „Pfarrei neuen Typs“.

 

bli